Exkursion

“Woyzeck” – Theaterkritik

Zwischen Wahnsinn und Wirklichkeit – Woyzecks verzweifelter Kampf gegen das Unausweichliche.

Das Drama Woyzeck erzählt die tragische Geschichte eines Soldaten, der von seinen Vorgesetzten ständig gedemütigt wird. Als ihn auch noch seine Freundin Marie mit einem höhergestellten Tambourmajor betrügt, bringt er sie schließlich um. Da Georg Büchner starb, bevor er das Werk vollenden konnte, bleibt die genaue Szenenfolge unklar – ebenso wie das ursprünglich vorgesehene Ende des Dramas.

Die Kursstufe des Lise-Meitner-Gymnasiums hatte die Gelegenheit, eine Aufführung des Theaters Lindenhof zu besuchen. Dabei fiel den Schülerinnen und Schülern auf, dass die Reihenfolge der Szenen von der bekannten Lektürefassung abwich. Während das Drama in der Schullektüre mit der Rasur des Hauptmanns beginnt, setzte die Inszenierung direkt mit der Szene des Doktors ein. Eine weitere auffällige Abweichung war das Ende: In der Theaterfassung stirbt Woyzeck – eine Interpretation, die Büchner selbst nicht niedergeschrieben hat. Tatsächlich beruht die Figur des Woyzeck auf einer historischen Person, die nach dem Mord an ihrer Freundin hingerichtet wurde. Diese Realität griff das Theater in seiner Inszenierung auf.

Im Drama kämpft Woyzeck verzweifelt darum, sein geringes Einkommen aufzubessern, um seine Freundin Marie und ihren gemeinsamen unehelichen Sohn zu versorgen. Um zusätzliches Geld zu verdienen, stellt er sich für medizinische Experimente zur Verfügung: Ein Arzt zwingt ihn, sich ausschließlich von Erbsen zu ernähren, was zu Halluzinationen führt. Neben seiner ohnehin labilen Psyche und Anzeichen einer schweren psychischen Erkrankung wird Woyzeck immer wieder von seinen Vorgesetzten gedemütigt. Als er schließlich von Maries Untreue erfährt, steigert sich seine Verzweiflung ins Unermessliche – bis er sie tötet.

Die Aufführung bot den Schülerinnen und Schülern einen neuen Zugang zum Drama und machte die Ereignisse besonders greifbar. Auch die „alte Sprache“, die beim Lesen oft herausfordernd war, wurde durch die Inszenierung verständlicher, was insgesamt positiv aufgenommen wurde.

Allerdings sorgten die veränderte Szenenanordnung und das minimalistische Bühnenbild gelegentlich für Verwirrung, da sich die Zuschauerinnen und Zuschauer zunächst orientieren mussten. Dennoch war es eine äußerst gelungene Inszenierung, die nicht nur den Deutschunterricht bereicherte, sondern auch eine neue Perspektive auf Woyzeck eröffnete.

Text: Ecemsu

Foto: Cansu
Foto: Cansu