Rede des Schulleiters Joachim Wöllner zum Abitur-Festakt in der Aula des Lise-Meitner-Gymnasiums am 04.07. 2015:
„Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben.“
(Friedrich Nietzsche, Unzeitgemäße Betrachtungen)
Liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
liebe Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Angehörige unserer Schulfamilie,
verehrte Festgäste,
meine sehr verehrten Damen und Herren!
(oder wie eine meiner Töchter neulich als Begrüßungsformel für diesen Festakt vorschlug: „Hallo Ihr alle!“)
Friedrich Nietzsche weist in seinem berühmten Wort über die Größe eines Ereignisses darauf hin, dass die Gestimmtheit der Anwesenden einen entscheidenden Beitrag zur Bedeutung, zum Gelingen, zur feierlichen Erhabenheit von Augenblicken leistet.
„Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen, und der große Sinn derer, die es erleben.“
Dem können wir alle sicherlich beipflichten, erinnern wir uns an so genannte große Momente unseres Lebens: der Hochzeitstag, die Übertragung der Mondlandung im Fernsehen, der herbei gesehnte Kauf des später so geliebten Hamsters, der erste Kuss und der erste Schluss – vielleicht… Wie wichtig war doch zweifellos die innere Haltung in all diesen Augenblicken, Augenblicke, die sich bisweilen recht überraschend einstellten, häufig aber auch angekündigt waren, sodass sich ein Sich-Einstimmen entwickeln konnte – über Tage, Wochen oder auch Monate hin.
Ich zum Beispiel kann mich noch sehr gut erinnern an die völlig überraschend verkündete Bekanntgabe der Öffnung der Berliner Mauer, die ich als Westberliner am Grenzübergang in der Sonnenallee erleben durfte. Zweifellos ein großer Augenblick, ein großes, wenn auch sehr überraschendes Ereignis, das seine Größe auch durch die Gestimmtheit derjenigen erhielt, die an jenem Abend des 9. November 1989 nach der Überwindung anfänglicher Skepsis und verständlicher Zurückhaltung auf der westlichen Seite dieser Todeszone aufgrund innerer Ergriffenheit entscheidend mit dazu beigetragen haben, dass dieses Ereignis zu einem – wie Schiller es nennen würde – großen Fest der Freude wurde, zu einem einzigartigen Fanal der Freiheit von einer Größe und Bedeutsamkeit, dass dieser 9. November aus keinem Geschichtsbuch mehr wegzudenken ist und aus keiner Erinnerung derjenigen mehr, die unmittelbar dabei sein konnten.
Und eine zweite Erinnerung stellt sich bei mir ein, ein zweiter großer Augenblick in meinem Leben: die Geburt meines ersten Sohnes – herbeigesehnt, aber auch herbeigezittert – bei all der Unsicherheit, was dann werden wird, ob auch alles gut geht – am Ende. Und dann dieser Augenblick – noch heute kommen mir fast die Tränen, wenn ich an diesen großen, in jeder Hinsicht einzigartigen Glücksmoment denke. Welche Größe lag in diesem Ereignis, weil die Beteiligten ihm durch ihre Gestimmtheit die ihm angemessene Größe ermöglicht, ja vielleicht auch erst verliehen haben. Zweifellos ist jede Geburt für sich schon ein Triumph des Lebens und doch: Nicht jedes Mal ist die Größe auch erlebbar, greifbar, gar vorhanden – es kommt eben auf die Gestimmtheit aller Beteiligten an, mehr noch als auf die idealen Umstände! Denken Sie nur an die Schilderung einer der berühmtesten Geburten der Weltgeschichte – vor etwas mehr als 2000 Jahren in einer der großen Krisenregionen dieser Erde – welch miserable Umstände herrschten dort im Land, in der Region und vor Ort in jenem Stall jener Herberge…; und doch: Welch ein großer Augenblick – von den Beteiligten so erlebt, so gespiegelt, innerlich und äußerlich mit vollzogen, mit gestaltet, mit gefeiert und so erst wirklich groß gemacht!
Auch wir begehen heute in festlichem Rahmen einen bedeutenden Augenblick, erleben heute gemeinsam ein großes Ereignis: das Ende Ihrer Schulzeit, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, mit der feierlichen Übergabe Ihrer Abiturzeugnisse, mit der Verleihung einer großen Zahl an Preisen für herausragende Leistungen, mit hohen, wohl gewählten Worten, umrahmt von Musik, kunstvoll dargebracht – mit Können und Leidenschaft.
Und damit ist bereits der Blick gerichtet auf all jene, die „mit großem Sinn dieses Ereignis vollbringen“ – wie es bei Nietzsche heißt. Schon im Vorfeld, in der Vorgeschichte wurde mit großem Sinn Großes vollbracht, von Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, sonst säßen Sie heute nicht hier: Sie säßen nicht hier ohne Ihren Fleiß und Ihre Entschlossenheit, das Abitur am LMG ablegen zu wollen, aber auch von anderen wurde in diesem Sinne Großes vollbracht: Ihren Eltern, Ihren Familien, Ihren Freunden, die Sie – so nehme ich an – bestärkt und gestärkt haben, Sie unterstützt und Ihnen den Rücken frei gehalten, damit Sie sich auf diese Aufgabe konzentrieren konnten; und natürlich auch von Ihren Lehrerinnen und Lehrern, die Sie nicht nur durch den Dschungel bedeutender Inhalte geführt haben, stets im Blick die Vielzahl zu erlernender Methoden und den unerlässlichen Strauß zu erwerbender Kompetenzen, sondern die überdies mit Ihnen gelitten, gefiebert haben – und Sie können sicher sein, dass Ihre Lehrerinnen und Lehrer zuletzt bei Ihren Prüfungen fast genauso aufgeregt waren wie Sie selbst – und schließlich auch Ihre Freude miterlebt, mit Ihnen geteilt haben.
Auch im Hinblick auf die diesjährigen Abiturfeierlichkeiten wurde „mit großem Sinn Großes vollbracht“. Wie viel Arbeit, wie viel pure Energie, Kreativität, Hirnschmalz, Herzfett und Lebenszeit wurden hier von Einzelnen im Dienste der Schulgemeinschaft und hoffentlich zu Ihrer aller Freude über Monate investiert, bis schließlich alles so werden konnte, wie es jetzt geworden ist. Die Eingeweihten wissen, woran ich bei dieser Würdigung auch denke: an den langen, manchmal auch mühsamen, insgesamt recht schwierigen gemeinsamen Prozess zur Weiterentwicklung der Abiturfeierlichkeiten am LMG. Hier galt es, sich auf Neues einzulassen, gemeinsam Neuland zu betreten – mit jener Zuversicht, von der man immer eine gehörige Portion braucht, wenn man sich aufmacht in unbekanntes Gelände, und eben Vertrauen, dass man nicht auf Glatteis landet oder gar mit List und Tücke in den nächst besten Hinterhalt geführt wird. Und tatsächlich: Nichts Schreckliches ist uns bislang zugestoßen – zumindest, soweit ich es wahrnehme; im Gegenteil: Es scheint alles gut, ja bisweilen sehr gut geworden zu sein – nur Amelie, das gnadenlose Hoch mit der Sahara-Luft im Gepäck, will sich einfach nicht einfügen in unser Konzept, in unser aller Vorstellungen von angemessenen klimatischen Rahmenbedingungen bei einer Abiturfeier im Herzen Mitteleuropas. Und so ist Amelie die einzige, die versucht, uns einen Strich durch die gemeinsame Rechnung zu machen, doch – Gott sei Dank – ist sie auch die einzige, bei der ein auch noch so offen und wertschätzend gestalteter Runder Tisch keinerlei Aussicht auf Erfolg hat. Und so bleibt nur eins: Schulverweis- die Höchststrafe im Katalog der Erziehungs- und Ordnungsmaßnahmen! Aber leider leider habe ich selbst als Schulleiter und Hausherr hier keinen Zugriff, versagen hier schulrechtliche Ordnung und Krisenmanagement und so bleiben uns nur das Ertragen der Hitze und die Freude am Mitfeiern.
Damit sind wir wieder bei jenem „großen Sinn derer, die es miterleben“, das große Ereignis, zu dessen Größe Nietzsche die Formel liefert. Ich hoffe sehr, dass dieser große Sinn am heutigen Nachmittag und im Anschluss am heutigen Abend die Feierlichkeiten bestimmen werde – und damit auch erhöhen, groß machen, so dass dieser Tag ein würdiges und unvergessliches Ereignis in unser aller Leben und in der Geschichte dieser höheren Lehranstalt werden kann.
Nietzsches Diktum gilt aber nicht nur für die Größe von Ereignissen, sondern es lässt sich – meiner Ansicht nach – auch gut auf den Menschen übertragen. So gesehen müsste es dann lauten:
„Damit ein Mensch Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn der ihn bewegt und der in all dem steckt, was er vollbringt, und der große Sinn derer, die ihn erleben und die das erleben, was er vollbringt.“
So verstanden wünsche ich Ihnen, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, dass Sie sich – mit dem Rüstzeug ihrer LMG-Schulzeit ausgestattet – zu Ihrer ganz eigenen Größe entfalten, wenn Sie die Welt und das Leben, die beide beneidenswert ausgebreitet vor Ihnen liegen, ergreifen mögen, und ich wünsche Ihnen eine Vielzahl jener großen Ereignisse, die nur ein großer Sinn zu erzeugen vermag.
Mögen Sie stets gerne an Ihre Schulzeit am LMG zurückblicken und gerne auch immer wieder mal zurückkommen, und zwar nicht nur, um Ihre Abiturarbeiten nachträglich noch einmal zu mustern, sondern vielleicht zur Eröffnung unseres neuen Schülerhauses am 02. Oktober – oder zum traditionellen Schulfest am vorletzten Schultag, vielleicht auf einen Sprung im jetzt schon legendären Ehemaligencafe… oder einfach mal so zwischendurch? Wir jedenfalls werden Sie nicht vergessen und wir danken Ihnen dafür, dass Sie – sowohl als Einzelne als auch in Ihrer Gesamtheit als Abiturjahrgang 2015 – ganz unverwechselbar mitgeschrieben haben an der Schulgeschichte des Lise-Meitner-Gymnasiums in Crailsheim.